Sexualität in Zeiten einer neuen Infektionskrankheit.

Wir müssen lernen, mit AIDS zu leben. Viele Menschen wären froh, wenn sie nicht ständig an AIDS erinnert würden. Weil der Gedanke an Aids Angst macht.Weil das, was zum Thema AIDS geschrieben und gesagt wird, Gefühle verletzten kann. Weil sie lieber an das Leben denken, als an eine bis jetzt unheilbare Krankheit. Wir empfehlen deshalb, dass heute möglichst alle Frauen und Männer viel über AIDS wissen.

AIDS – was bedeutet das?

AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome) bedeutet “Erworbenes Immun-Defekt-Syndrom”. Es handelt sich hierbei um eine Infektionskrankheit, die noch vor wenigen Jahren unbekannt war, von der heute aber weltweit Millionen Menschen bedroht oder betroffen sind. Ursache der Infektion ist ein Virus, das HIV (für Human Immune Deficiency Virus). Es greift die körpereigenen Abwehrkräfte so an, dass der Organismus nicht mehr mit “normalen” Krankheitserregern fertig wird. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen HIV-Infektion und AIDS-Erkrankung. Eine HIV-Infektion besagt zunächst nur, dass der Körper sich mit dem Virus, das AIDS hervorruft, auseinandergesetzt und Antikörper gebildet hat. Oft vergeht lange Zeit, bis sich im Falle einer Erkrankung dann die typischen AIDS-Symptome zeigen. Wie viele der Infizierten eines Tages an Aids erkranken werden, kann niemand sagen – jedenfalls ist der Prozentsatz hoch (man schätzt 70 bis 100 Prozent). Nach einem AIDS-Heilmittel bzw. Impfstoff wird weltweit geforscht. Dass sie gefunden werden, hofft man. Und bis sie dann angewendet werden können, müssen Jahre der Erprobung vergehen. Deshalb ist derzeit der einzig wirksame Schutz gegen AIDS, jedes Risiko zu vermeiden, das zu einer Ansteckung führen kann.

Wie wird AIDS übertragen?

Zu einer HIV-Infektion kann es nur kommen, wenn die Körperflüssigkeiten eines infizierten Menschen in den Blutkreislauf eines gesunden gelangt. Was ist mit Körperflüssigkeiten gemeint? Vor allem Sperma, Scheidensekret und Blut, auch Menstruationsblut (Zwar hat man das HIV-Virus auch im Speichel, in Tränen und im Urin gefunden, bislang ist jedoch noch kein Fall einer Infektion durch diese Körperflüssigkeiten nachgewiesen worden.) In welchen Situationen können diese Flüssigkeiten und damit das Virus in Ihr Blut kommen? Da sind die Möglichkeiten ganz klar: Zuallererst einmal durch Sexualverkehr. Weil man hier nun mal mit dem Sperma bzw. dem Scheidensekret eines anderen Menschen in Kontakt kommt. Und die Gefahr also groß ist, dass so das Virus in die Blutbahn gerät. Dann gibt es noch den direkten Blutkontakt. Das konnte früher – als man die Krankheit noch nicht genau kannte – durch infizierte Blutkonserven und bestimmte Blutprodukte geschehen. Davon waren vor allem Bluter betroffen, aber auch Menschen, die in dieser Zeit eine Bluttransfusion bzw. ein solches Blutprodukt erhalten haben. Seit Mai 1985 werden in der Bundesrepublik jedoch alle Blutprodukte und Blutkonserven auf Aids-Antikörper geprüft. Deshalb ist heute eine Infektion durch Blutkonserven und Blutprodukte weitgehend ausgeschlossen (man schätzt das Risiko bei Blutkonserven auf 1 : 500.000 bis 1 : 1.000.000). Jedoch gibt es auch noch andere Situationen, in denen man mit infiziertem Blut in Berührung kommen kann: blutende Wunden bei Unfällen, gemeinsames Benutzen von Rasierklingen und Zahnbürsten sowie (bei Fixern) von Injektionsspritzen und Nadeln. AIDS ist zwar eine Infektionskrankheit. Sie überträgt sich jedoch nicht wie eine Grippe, sondern nur bei intensivem Kontakt mit einer infizierten Person oder infiziertem Blut. Wer das Virus in sich trägt, weiß es oft selbst nicht. Er kann aber in dieser Zeit bereits andere Menschen anstecken.

AIDS und Schwangerschaft – ist das wirklich ein Thema?

Eine Frau, die schwanger werden kann, kann sich auch mit AIDS infizieren. Denn AIDS ist eine Krankheit, die sich vorwiegend auf sexuellem Weg überträgt. Man sieht nicht, ob jemand AIDS-infiziert ist. Ja, viele, die sich angesteckt haben (und das kann Jahre her sein), wissen es selbst nicht. Und stecken so ahnungslos andere an. Eine Frau, die sich nicht gegen die Ansteckung schützt, kann sich unbemerkt infizieren. Sie kann so, wenn sie schwanger wird, die Krankheit auf ihr Kind übertragen, ohne es zu wissen. Das ist, so schätzen Fachleute, in der Bundesrepublik bis heute mehrere hundertmal passiert. Durch eine Schwangerschaft kann sich die Gesundheit einer AIDS-kranken Frau (möglicherweise auch einer HIV-infizierten) verschlechtern. Wegen dieses Risikos und wegen der Ansteckungsgefahr für das Kind sollte sich eine HIV-infizierte Frau in eine fachkompetente Beratung und Betreuung begeben. Grundsätzlich sollte sich jede Frau vor einer geplanten Schwangerschaft überzeugen, ob sie HIV-infiziert ist oder nicht, indem sie zum Test geht. Das sollte sie auch tun, wenn sie bereits schwanger ist. Und jede Frau sollte heute dafür Sorge tragen, dass sie sich nicht mit AIDS anstecken kann. Aus Liebe zu sich, ihrem Partner und den Kindern, die sie sich wünscht. Und wir empfehlen jeder Frau, die sich ein Kind wünscht oder bereits schwanger ist, einen Test auf HIV-Antikörper durchführen zu lassen, mit dem sich eine Ansteckung nachweisen oder ausschließen lässt – dies auch, wenn sie sich nicht vorstellen kann, angesteckt zu sein.

Bedeutet AIDS das Ende von Liebe?

Gewiss nicht. Aber es bedeutet, dass Sie mit Ihrem Partner, gerade wenn Sie ihn noch nicht so gut kennen, über AIDS reden müssen. Das ist kein einfaches Thema. Und niemandem fällt es leicht, mit einem Menschen, den man zwar sehr gern mag, aber vielleicht gerade erst kennengelernt hat, ein offenes Gespräch über Liebe, über Schutz, über eventuelle Risiken der Vergangenheit und über Treue zu führen. Woran Sie jedoch denken sollten: Ihr Partner hat das gleiche Problem. Er weiß auch noch viel zu wenig von Ihnen. Und seien Sie gewiss, ihm ist an Schutz ebensoviel gelegen. Wenn Sie keine Gewissheit haben, dass Sie beide nicht AIDS-infiziert sind, sollten Sie sich nicht ohne Kondome lieben.

So können Sie sich mit AIDS infizieren:

Durch Geschlechtsverkehr mit Infizierten, bei dem Sperma, Scheidensekret oder Blut in Ihre Blutbahn gelangen kann. Riskant sind alle Arten ungeschützten Verkehrs – vaginal, oral und insbesondere anal.

Durch direkten Blutkontakt mit Infizierten.

Zu dem kann es zum Beispiel kommen durch: – Blutende Wunden bei Unfällen, – Rasierklingen, an denen Blut von kleinen Schnittwunden klebt, – Zahnbürsten, wenn Zahnfleischbluten oder kleine Verletzungen im Mund aufgetreten sind, – Gemeinschaftliches Benutzung von nichtdesinfizierten Nadeln und Spritzen (bei Fixern), – Nicht desinfizierte “Ohrloch-Stechen”-Geräte oder Tätowierungs-Instrumente.

Wenn Sie sicher sind, dass Sie zusammenbleiben wollen, gibt Ihnen ein Test Gewissheit, dass keiner von Ihnen infiziert ist und Sie also auf Kondome verzichten können, solange keiner von Ihnen eine neues Risiko eingeht. (Allerdings kann der Test eine Ansteckung erst mit einer Verzögerung von einem bis sechs Monaten nachweisen.) Reden Sie mit Ihrem Partner auch dann über AIDS, wenn Sie ihn schon länger kennen. Reden Sie offen über Möglichkeiten, in denen er oder sie – vielleicht schon lange vor Ihrer Beziehung – ein Risiko eingegangen sind. Wir alle müssen erst lernen, über die Probleme zu sprechen, die AIDS für jede Partnerschaft mit sich bringt. Unsere Sprache ist arm, wenn Liebe und Sexualität das Thema sind. Und oft ist es leichter zu schweigen. Eine Partnerschaft kann durch ein offenes Gespräch aber nur gestärkt werden.

Wann soll ich einen Test machen lassen?

Die Frauenärztinnen und Frauenärzte raten Ihnen ganz besonders dann zu einem AIDS-Test (oder richtiger: zu einem HIV-Test), wenn sie schwanger werden wollen oder bereits sind. Selbstverständlich ist der Test freiwillig, und genauso selbstverständlich müssen Ärzte Ihren Wunsch nach Anonymität respektieren. Genauso können Sie sicher sein, dass Ihre Ärztin/Ihr Arzt die Daten nicht weitergibt. Es wird auch nicht im Mutterpass eingetragen, ob eine AIDS-Beratung oder ein Test durchgeführt wurde. Der Test wird von der Krankenkasse getragen. Er ist seit August 1987 in den “Mutterschafts-Richtlinien” enthalten, in denen alle für die Schwangeren kostenlosen Untersuchungen zusammengefasst sind. Der HIV-Test kann ebenfalls anonym und kostenlos auch beim Gesundheitsamt erfolgen. Sie sollten ganz besonders dann einen Test machen lassen, wenn Sie Grund zu einer Annahme haben, dass Sie bereits HIV-infiziert sein könnten. (Siehe Kasten auf der Seite unten). Dieses Problem sollten Sie offen mit Ihrer Frauenärztin/Ihrem Frauenarzt besprechen. In den meisten Fällen ist die Angst unbegründet, und der Test bringt eine Erleichterung. Trotzdem sollten Sie, bevor Sie den Test durchführen lassen, für den Fall vorsorgen, dass das Ergebnis ungünstig sein sollte. Lassen Sie sich dann helfen, mit dem Schock fertig zu werden. Vielleicht ist dies Ihr Partner, Ihre Frauenärztin/Ihr Frauenarzt, eine der Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen.

Wie geht der Test vor sich?

Für den Test wird Ihnen, nach gründlicher Beratung, etwas Blut abgenommen. Im Labor untersucht man es darauf, ob Antikörper gegen HIV vorhanden sind. Ist dies der Fall, kann eine Infektion stattgefunden haben. Die Ärzte sagen: “Das Ergebnis ist positiv” – wobei “Positiv” in diesem Fall für Sie selbst genau das Gegenteil, nämlich eine Infektion bedeutet. Ein “negatives” Testergebnis ist demzufolge für Sie gut und heißt, dass Sie in dieser Beziehung gesund sind: Es wurde keine Infektion nach gewiesen. Der gegenwärtig verwendete “Elisa-Test” kann in Einzelfällen ungenau sein und eine Infektion anzeigen, obwohl keine stattgefunden hat (“falsch positiv”). Deshalb wird bei einem “positiven” Ergebnis der Test wiederholt. Bleibt er “positiv”, erfolgt ein aufwendiger “Bestätigungstest”. Erst wenn auch dieser Test “positiv” ist, ist die Patientin als infiziert anzusehen und wird darüber informiert, dass sie sich angesteckt hat. Sehr selten kann es auch vorkommen, dass ein Test “falsch negativ” ausfällt, also eine stattgefundene HIV-Infektion nicht anzeigt. Dies kann insbesondere in den ersten Wochen nach der Ansteckung passieren, wenn sich noch keine Antikörper gebildet haben. Für Frauen, die einem erhöhten Risiko unterliegen, gilt der Rat, den Test regelmäßig in Abständen von etwa zwölf Wochen wiederholen zu lassen. Das Testergebnis wird in jedem Fall mit Ihnen besprochen. So groß die Erleichterung bei einem “negativen” Ergebnis auch ist … denken Sie auch in der Zukunft daran, sich vor einem AIDS-Risiko zu schützen.

Wie kann ich mich vor AIDS schützen?

  • Nie ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einem Partner, von dem Sie nicht sicher sein können, dass er nicht AIDS-infiziert ist
  • Achten sie darauf, dass das Kondom richtig angewendet wird.
  • Je weniger Sexual-Partner, desto geringer das Risiko einer Ansteckung.
  • Vermeiden sie den Austausch von persönlichen Gegenständen, auf denen infizierte Blutreste haften können: wie Zahnbürste, Rasierapparat, Nagelscheren etc.
  • Ziehen Sie bei “Erster-Hilfe” Gummihandschuhe an (sie gehören in jeden Erste-Hilfe-Kasten). Wenn Sie drogenabhängig sind, benutzen Sie Einweg-Spritzen und Einweg-Nadeln.

Die AIDS-Gefahr für ein Ungeborenes.

Ein Kind bedeutet Leben und Hoffnung. Der Kinderwunsch von Frauen, die HIV-positiv sind, ist deshalb gut zu verstehen. Sie sollten jedoch wissen, was es bedeutet, als AIDS-Infizierte ein Kind zu bekommen: für die Gesundheit der Mutter und auch für die Gesundheit des Kindes. Denn eine Schwangerschaft belastet immer das Körperabwehrsystem. Auch für Ihr Kind ist das Risiko beträchtlich. Die Wahrscheinlichkeit ist groß (nach heutigen Erkenntnissen zwischen 15 und 40 Prozent, je nach Stadium der Infektion bei der Mutter), dass Ihr Kind sich schon im Mutterleib ansteckt, wenn auch Sie infiziert sind. Bei Neugeborenen sind die körpereigenen Abwehrkräfte und das Immunsystem noch sehr schwach. Kein Wunder also, dass sie mit dem AIDS-Erreger oft schlechter fertig werden als Erwachsene. Die Krankheit bricht bei einigen der betroffenen Kinder schneller aus. Ob ein Neugeborenes infiziert ist, kann meist erst nach ungefähr einem Jahr gesagt werden, da es zunächst auch die Antikörper der Mutter übernommen hat. Frühere Testergebnisses sind bei Säuglingen folglich nicht aussagekräftig. Die AIDS-Gefahr für die Gesundheit von Mutter und Kind ist, je nach Erkrankungsstadium der Mutter, sehr groß. Deshalb raten wir Frauenärztinnen und Frauenärzte allen Frauen, die HIV-positiv sind bzw. mit einem HIV-infizierten Partner zusammenleben, in bestimmten Fällen von einer Schwangerschaft ab. Sie sollten sich dann für eine möglichst sichere Methode der Empfängnisverhütung entscheiden und sich zusätzlich vor der Ansteckung mit Kondomen schützen. Wenn sie HIV-infiziert oder Aids-krank und bereits schwanger sind, dann sollten Sie mit Ihrer Frauenärztin/Ihrem Frauenarzt und mit Ihrem Partner über eine Schwangerschaftsabbruch sprechen. Denn das gesundheitliche Risiko für Sie und das Ungeborene kann groß sein. Jedoch: auch wenn Sie sich trotz der Gefahr für das Kind entscheiden, können Sie sicher sein, dass die Ärzte Ihre Entscheidung respektieren werden. Und zusammen mit dem Pflegepersonal das medizinisch und menschlich Mögliche tun werden. Welche spezielle Untersuchungen und Behandlungen bei HIV-positiven Frauen in der Schwangerschaft nötig sind, lässt sich nicht generell sagen. In jedem Fall sollten Schwangerschaftsbetreuung, Geburt und Wochenbett von einer/einem in der Betreuung von HIV-infizierten erfahrenen Ärztin/Arzt erfolgen. Auch nach der Geburt braucht die Mutter intensive medizinische Betreuung, für die ihre Frauenärztin/ihr Frauenarzt sorgen wird. Für die Versorgung und Betreuung des Kindes einer HIV-positiven Mutter nach der Geburt gibt es ebenfalls eine Reihe von medizinischen Maßnahmen und Möglichkeiten, über die Ihre Frauenärztin/Ihr Frauenarzt Sie ausführlich informieren kann.

Wenn Sie weitere Fragen haben?

Vielleicht hat diese Informationen nicht all Ihre Fragen beantworten können. ganz. Für uns Ärzte ist das Thema AIDS so wichtig wie für Sie. Wenn Sie Rat und Informationen brauchen, fragen Sie uns bitte.

Folgende Stellen können Ihnen weiterhelfen: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Beratungs-Telefon: 02 21/89 20 31), Deutsche AIDS-Hilfe, Nestorstraße 8-9, 1000 Berlin 31, Telefon 0 30/8 96 90 60. Weitere Adressen: Die regionalen AIDS-Hilfen (Beratung und Selbsthilfegruppen), die Gesundheitsämter (Beratung und Test). Über spezialisierte Ärzte informieren die öffentlichen Ärztekammern. (Die Nummern finden Sie im Telefonbuch.)

HIV – Test für wen?

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte für Frauenheilkunde und Geburtshilfe empfehlen grundsätzlich allen Frauen und Männer den HIV-Test, besondere wenn eines dieser Risiken vorliegt oder früher vorgelegen hat: – Abhängigkeit von Drogen, die ins Blut gespritzt werden, z.B. Heroin (Fixerin), – Prostitution, – häufig wechselnde Sexualpartner, – Geschlechtskrankheiten, – Bluttransfusion (vor Mai 1985), – Sexualpartner mit festgestellter Aids-Virus-Infektion oder risikoreichem Verhalten, – der Ehemann ist Bluter.

Quelle: www.gawima.de

Autor: Ullrich Schäfer 2008