Gute Lösungen für Hörprobleme – kommunizieren und empfinden

Wer fühlen will, muss hören! Mit diesem Slogan werben Radiosender für die Bandbreite an Empfindungen, die das Hören ihrer Programme auslösen kann. Hören ist eben nicht nur ein Sinn zur Wahrnehmung, der uns in die Lage versetzt, die Lautsprache zu verwenden und lebensrettende akustische Warnsignale aufzunehmen.

Richtig hören und damit auch verstehen bietet den Menschen mehr. Gerade auch auf der sozialen und emotionalen Ebene verzichten Menschen, die vieles nicht (mehr) hören können, auf ein wichtiges Stück Lebensqualität. Studien, die den Zusammenhang zwischen der Versorgung mit Hörsystemen, der Verbesserung der Kommunikationfähigkeit und damit dem Rückgang von Depressionen belegen, liegen seit Jahren vor. Den Betroffenen sind diese Zusammenhänge häufig nicht so transparent. Defizite, die das eigene Leben zunehmend einschränken, werden überraschend oft als Schicksal ergeben hingenommen. Häufig fehlt auch der Glaube an die Wirksamkeit einer Hörsystemversorgung.

Welcher Laie kennt sich schon aus mit der neuesten technologischen Entwicklung? Wer kann sich vorstellen, wie stark Hörakustiker bei der Anpassung und der Nachsorge auf das individuelle Hörproblem eingehen können? Patienten müssen über ihre Möglichkeiten informiert werden. Die Empfehlung und letztlich die Indikation des Hals-Nasen-Ohrenarztes spielt hier eine ganz zentrale Rolle. Schon in der Praxis ist daher die Verordnung einer Hörhilfe mit einer fundierten Beratung verbunden.

Das große Angebot an Hörsystemen, Zubehör und Versorgungsmöglichkeiten macht deutlich: Hörprobleme können nur individuell gelöst werden. Das Know-How für die Technik und die individuell zu nutzenden Hilfsmittel liegt beim Hörakustiker, der schließlich gemeinsam mit dem Patienten herausfindet, welche der technischen Möglichkeiten realisiert werden sollten. Dabei geht es nicht nur um eine möglichst gute Versorgung für den Patienten, sondern auch um die notwendige langjährige Betreuung.Das Ziel jeder Versorgung mit Hörsystemen lautet: Nicht nur hören, sondern auch verstehen.

Welche Hörsysteme gibt es?

Ein gesundes Gehör können Hörsysteme nicht ersetzen. Aber sie sind zunehmend besser in der Lage, eine vorhandene Schwerhörigkeit zu kompensieren. Moderne Hörsysteme ermöglichen Hörerlebnisse, von denen man vor zehn Jahren kaum zu träumen wagte. Mit großem Einsatz wurde und wird an der Aufgabe gearbeitet, das Sprachverstehen zu verbessern, vor allem auch bei Störlärm. Darüber hinaus konnte das Wahrnehmen von Warnsignalen und Umweltgeräuschen verbessert werden.

Jedes Hörsystem enthält Mikrofon, Verstärker und Hörer. Vom Mikrofon werden die Schwingungen umgewandelt und über den Hörer (Lautsprecher) als verstärktes akustisches Signal wieder abgegeben.

Die großen Kasten- oder Taschengeräte sind im Zeitalter der Miniaturisierung überflüssig geworden. Auch extreme Verstärkungsleistungen können heute von Hinter-dem-Ohr-Geräten erbracht werden. Alle Geräte werden direkt am Kopf getragen. Es gibt jedoch verschiedene Bauformen wie Hinter-dem-Ohr-Geräte, Im-Ohr-Geräte und Hörbrillen.

Hinter-dem-Ohr-Geräte

Etwa zwei Drittel der Schwerhörigen werden heute mit Hinter-dem-Ohr-Geräten (HdO) versorgt. Das Gerät wird – wie der Name schon sagt – direkt hinter dem Ohr getragen. Der vom Mikrofon aufgenommene Schall wird nach seiner Verstärkung über einen Ohrhaken und durch die Otoplastik (das Ohrpass-Stück) in den äußeren Gehörgang geleitet.

Mit Hd0-Geräten können leichte bis hochgradige Hörverluste versorgt werden. Die Geräte werden in unterschiedlichen Großen angeboten bis hin zum Mini-HdO. Bei der Farbgestaltung ist eine Anpassung an Haar- oder Hautfarbe möglich. Selbstverständlich sind HdO-Geräte aber auch ganz bunt, einfarbig oder gemustert erhältlich. Man kann zwischen Geräten mit und ohne Fernbedienung wählen. Einige HdO-Geräte lassen sich mittels Zubehör an externe Audiogeräte anschließen, auch an Telefone zum induktiven Telefonieren. Trotz Otoplastik sind “offene” Versorgungen möglich, bei denen der Gehörgang fast offen bleibt.

Kinder werden fast ausschließlich mit HdO-Geräten versorgt. Denn nur dort kann ein Audio-Eingang eingebaut werden. Dieser genormte Steckkontakt zum Ankoppeln von Zusatzgeräten ist ein unverzichtbarer Bestandteil bei der Rehabilitation und Habilitation schwerhöriger Kinder.

Otoplastik

Die Otoplastik wird nach Abdrucknahme individuell angefertigt – vergleichbar mit der Gebissabformung für die Herstellung von Zahnersatz. Obwohl immer eine möglichst offene Versorgung angestrebt wird, ist in den meisten Fällen eine mehr oder weniger geschlossene Otoplastik erforderlich, um das Wiedereintreten des inzwischen verstärkten Signals in das Mikrofon zu verhindern. Die sonst entstehende Endlosverstärkung, der akustische Rückkopplungseffekt, äußert sich als Pfeifen. Je ausgeprägter eine Schwerhörigkeit und damit auch die Verstärkung des Hörgerätes, desto wichtiger ist der exakte Sitz einer Otoplastik.

Zur Herstellung der Otoplastik werden Hart- und Weichmaterialien (Acrylat, Silikon, Nylon) verwendet. Die Weich-Otoplastiken dichten oft besser ab und sind hautfreundlicher (z.B. Silikon). Bei weichem Gehörgangseingang sind sie jedoch schwerer einzusetzen. Gute Hautverträglichkeit ist auch ein Merkmal der lichtpo-lymerisierenden Kunststoffe. Bei Hartmaterialien muss die Oberfläche in manchen Fällen durch Verglasen oder durch Bearbeitung mit Edelmetallen wie Gold und Silber zusätzlich behandelt werden, um Unverträglichkeiten im Gehörgang und der Ohrmuschel zu vermeiden. Die Materialwahl hängt letztlich von der individuellen Beschaffenheit des Ohrgewebes ab. Titan kann ebenfalls als Otoplastikmaterial genutzt werden.

Fernbedienung

Die Fernbedienung enthält einen Sender. Das Hörsystem enthält den Empfänger (Ultraschall, Infrarot oder Funk), der die Steuersignale dieses Senders aufnimmt. Der Sender hat die Größe einer Scheckkarte. Die Fernbedienung ermöglicht die Lautstärken- und Filterregelung und je nach Hörgerät auch, ein Auswählen und Umschalten zwischen verschiedenen Programmen. Dadurch ist eine bessere Anpassung an die jeweilige Hörsituation möglich. (Straßenlärm, ruhige Umgebung, hallende Raume etc.).

Hörbrillen

Luftleitungshörbrillen entsprechen HdO-Geräten. Wenn die Brille ständig getragen wird, kann dies eine kosmetisch elegante und vom Tragekomfort her sehr gute Lösung sein. HdO-Gerät und Brille können auch über einen Adapter gekoppelt sein. Fast alle erhältlichen HdO-Geräte können an eine Brille gekoppelt werden und ermöglichen die CROS- und BICROS-Versorgung. Der Marktanteil neu angepasster Hörbrillen ist äußerst gering.

Knochenleitungshörbrillen werden bei Schallleitungsschwerhörigkeit und nur noch in Spezialfällen angepasst. Der Schall wird über einen Vibrator, der auf dem Mastoid aufliegt, direkt auf das Innenohr übertragen. Das Mittelohr wird umgangen. Wie bei der Luftleitungshörbrille ist der Knochenleitungshörer mit dein Brillenbügel verbunden. Eine Alternative für die Zukunft hierzu, allerdings mit einer Operation verbunden, sind implantierbare Knochenleitungshörgeräte.

Im-Ohr-Geräte

Im-Ohr-Geräte werden zentral in der Ohrmuschel oder im Gehörgang getragen. Sie sind für leichte bis mittelschwere Hörverluste geeignet. Im-Ohr-Geräte sind besonders klein und damit unauffällig. Diese Eigenschaften können – bei Vorbehalten gegenüber Hörgeräten – die Bereitschaft zur Erstversorgung deutlich erhöhen. Das Mikrofon ist nah am Gehörgang, das kommt der natürlichen Schallaufnahme am nächsten und kann auch das Richtungshören verbessern. Der Tragekomfort ist sehr gut. Etwa ein Drittel der angepassten Hörsysteme sind Im-Ohr-Geräte.

Die gesamte Technik des Im-Ohr-Geräts wird in eine Schale eingebaut, die nach Abdrucknahme individuell angefertigt wird. Häufig befinden sich kleine Lautstärkeregler am IO-Gerät, die während des Tragens verstellt werden können. Im-Ohr-Geräte werden aber auch mit Fernbedienung angeboten (vgl. HdO-Geräte), wodurch die Handhabung der sehr kleinen Bedienungselemente entfällt.

Concha- und Gehörgangs-Geräte

Im-Ohr-Geräte werden nach ihrer Tragweise in Concha und Gehörgangs-Geräte unterschieden. Concha-Geräte sitzen zentral in der Ohrmuschel und sind dezent. Sie werden auch mit anatomisch gestalteter Außenseite angeboten, die die Ohrmuschelstruktur nachbildet, oder auch mit Edelmetall-Ohrschmuck verblendet als Schmuckhörgerät. Einige Im-Ohr-Geräte sind auch als Gehörschutz einsetzbar.

Gehörgangs-Geräte sind kosmetisch vorteilhafter und bei Patienten beliebt, weil sie so klein sind. Ein Gerät verschwindet fast vollständig in Gehörgang und ist von außen kaum sichtbar. Die Verankerung im Gehörgang kann schwierig sein.

CIO- und MIO-Geräte für Sonderfälle

Hörakustiker unterscheiden bei Im-Ohr-Geräten auch noch zwischen CIO-Geräte (Custom-made-Im-Ohr-Geräten) und MIO-Geräten (Modul-Im-Ohr-Geräten). Bei den CIO-Geräten werden Verstärker und Zubehör (Features) für den individuellen Hörverlust gefertigt und in die nach Maß geformte Gehäuseschale untrennbar eingebaut. MIO-Geräte werden industriell gefertigt und später in die individuelle Schale eingepasst.

Trotz der erreichten Miniaturisierung bleiben HdO-Geräte bei der Versorgung starker Hörverluste auch in Zukunft sinnvoll, da eine zu hohe Verstärkung bei Im-Ohr-Geräten zur Rückkopplung führen kann.

Programmierbare Hörgeräte

Digital programmierbare Hörgeräte können während der Programmierung am oder im Ohr des Patienten bleiben. Das verbessert den Komfort der Anpassung. Die individuellen Hörparameter des Patienten können durch Anschluss an den Anpass-Computer gespeichert, jederzeit abgerufen und auch korrigiert werden.

Es können mehrere, meist bis zu vier Hörprogramme programmiert werden. Über diese Programme kann man – je nach Situation – unterschiedliche Wiedergabekurven abrufen. Die Programme können vom Hörakustiker jederzeit verändert werden. Dadurch ist nur den Patienten eine schrittweise Annäherung an die für ihn optimalen Daten möglich.

Ein mehrkanaliges System mit unterschiedlichen Verstärkerkennlinien für verschiedene Frequenzbereiche ermöglicht eine bessere Ausnutzung der verfügbaren Restdynamik und damit ein verbessertes Sprachverständnis. Die Programmierbarkeit und die gleichzeitige In-situ-Messung verbessern die Einstellung der Hörgeräte. Damit werden die Einstellungen, die der Patient subjektiv als optimal einschätzt, auch objektiv kontrollierbar.

Vollautomatische Hörgeräte

Über Mikro-Chips, die dem individuellen Hörschaden entsprechend programmiert sind, können diese Hörgeräte vollautomatisch auf den einfallenden Schall reagieren. Leise und hohe Töne werden mehr verstärkt als laute und tiefe. Dadurch werden die meist leiseren Konsonanten besser verstanden und das Sprachverstehen verbessert. Vollautomatische Geräte kommen dem Wunsch vieler Hörgeschädigter nach, ohne ein Programm einstellen zu müssen, in unterschiedlichen Hörsituationen möglichst adäquat zu hören.

Volldigitale Hörgeräte

Seit 1996 sind volldigitale Hörgeräte auf dem Markt. Die Schallaufnahme über das Mikrofon und die Wiedergabe über den Hörer laufen analog, da auch unsere Stimmbänder und Ohren nicht digital arbeiten können. Aber die Signale werden digital verarbeitet. Die Geräte verfügen über eine digitale Spracherkennung, wodurch bei der Verstärkung besser zwischen Nutzschall und Störlärm unterschieden werden kann.

Das sonst durch den Eingangsverstärker hervorgerufene Eigenrauschen ist bei digitalen Hörgeräten stark vermindert. Ein Anti-Feedback-Prozessor soll die akustische Rückkopplung verhindern. Aufgrund der geringen Größe des volldigitalen Chips (12,5 mm²) können volldigitale Hörgeräte auch als Gehörgangs-geräte angeboten werden.

Tinnitus-Masker

Tinnitus (Ohrgeräusche) stellt für die Betroffenen meist eine große Belastung dar. Im Bereich der akustisch-apparativen Therapie können Tinnitus-Masker/Rausch-Generatoren das störende Geräusch mit einem anderen, als angenehm empfundenen Geräusch (Wasserrauschen, Windgeräusche, Musik) überlagern. Tinnitus-Masker/Rausch-Generatoren werden als HdO- oder Im-Ohr-Gerät angeboten. Damit kann beispielsweise auch eine bestimmte Musik zum Einschlafen gehört werden, ohne dass andere dadurch gestört werden. Die Mehrzahl der Tinnitus-Patienten hat zudem einen mehr oder weniger großen Hörverlust. Durch Auswahl eines entsprechenden Hörsystems lassen sich Umweltgeräusche verstärken oder die hohen Frequenzen (was auch das Sprachverstehen verbessern kann) und zugleich ist der Tinnitus zum Teil oder vollständig verdeckt. Lässt sich auf diesem Weg keine ausreichende Maskierung erreichen, kann man Hörsystem und Masker kombinieren: ein so genanntes Tinnitus-Instrument, als HdO- oder Im-Ohr-Gerät.

Die Behandlung des Tinnitus darf sich allerdings nicht nur auf die Verordnung von Hörgeräten, Maskern und Noisern beschränken. Die technischen Hilfen können allenfalls eine Hilfe darstellen. Die Zuwendung des HNO-Arztes mit Verständnis für die Probleme des Patienten ist der entscheidende Einstieg in die Therapie.

Hörsystem einseitig oder beidseitig?

Schon geringere Schwerhörigkeiten können mit Hörsystemen versorgt werden, wenn der Patient ein Hörgerät wünscht und er eine Verbesserung empfindet. Anzustreben ist die Versorgung beginnender Schwerhörigkeit, weil die frühzeitige Anpassung die Eingewöhnung in die neue und veränderte Hörsituation erleichtert. Außerdem erlernt ein relativ jüngerer Patient die Bedienung von Hörgeräten und technischen Hilfsmitteln meist schneller. Bei der Verordnung muss der HNO-Arzt die Heilmittel- und Hilfsmittelrichtlinien berücksichtigen.

Monaurale Versorgung (ein Ohr)

Eine einohrige Versorgung ist nur bei einseitiger Schwerhörigkeit sinnvoll. Außerdem wird sie durchgeführt, wenn anatomische oder audiologische Gründe eine beidohrige Versorgung ausschließen oder wenn der Schwerhörige die monaurale Versorgung wünscht.

Binaurale Versorgung (beide Ohren)

Bei beidseitiger Schwerhörigkeit ist die beidohrige Versorgung die Regelversorgung. Sprache kann bei binauraler Versorgung besser verstanden werden – vor allem auch im Störgeräusch. Da das Gehirn von beiden versorgten Ohren korrekte Signale erhält, ist das Hörzentrum in der Lage, die Sprache aus den Umgebungsgeräuschen heraus zu filtern. Durch die beidohrige Versorgung wird auch die benötigte Lautstärke der Hörgeräte verringert. Das erhöht den Tragekomfort und das Sprachverständnis im Lärm.

Darüber hinaus ist Richtungshören nur mit zwei versorgten Ohren möglich; dies ist beispielsweise im Straßenverkehr “überlebenswichtig”. Viele Berufe können ohne Richtungshören nicht ausgeübt werden.

CROS-Versorgung

Wer auf einem Ohr ertaubt ist oder sehr viel schlechter hört als auf dem anderen, kann eine CROS-(Contralateral-Routing-of-Signals-)Versorgung wählen. Diese Patienten haben in ruhiger Umgebung kaum Schwierigkeiten beim Sprachverstehen. Im Umgebungslärm oder bei Ansprache von der schlechter hörenden Seite können sie kaum etwas verstehen. Bei der CROS-Versorgung wird auf der schlechter hörenden Seite ein Mikrofon angebracht, das mit dem Verstärker und Hörer auf der gut hörenden Seite verbunden ist. Es gibt unterschiedliche technische Lösungsmöglichkeiten. Bewährt hat sich die CROS-Brille.

BICROS-Versorgung

Wenn das besser hörende Ohr ebenfalls schwerhörig ist, wird zusätzlich zu der Versorgung des schlechteren Ohres auf der besseren Seite ein Mikrofon an den Verstärker gekoppelt. So wird ein pseudo-stereofoner Effekt erzielt und das Verstehen bei Störgeräuschen verbessert. Wegen der möglichen Rückkopplung muss der Gehörgang mit einer Otoplastik verschlossen sein.
Weitere Informationen unter:
www.geers.de
www.axt-wendton.de

Quelle: Fördergemeinschaft Gutes Hören (FGH)